3. Ausgabe

Ramog aktuell

ALRS II – Raketenmodellbau auf der Überholspur

Internationales HighPower-Treffen vom 23. – 25. 03. 2001 in Neuchatel / Schweiz

Ein Bericht von Hendrik Lau

Kofferraum

Schon lange wurde im Internet von der großen Zusammenkunft europäischer Raketeure gesprochen. Die Erzählungen über das letztjährige Treffen verhießen gutes und gespannt sehnte ich dem Abfahrtstermin entgegen.

Im Vorfeld wurde mir gesagt, daß sich der lange Weg lohnen würde. Versüßt wurde dieser durch meine Fahrgemeinschaft ab Neustadt/Weinstraße mit Tom Schumb, Wolfgang Schäfer und Faustus Kühnel.

Nachdem wir den standesgemäß eingerichteten Werkraum von Tom Schumb besichtigt und gemütlich eine Tasse Kaffee zu uns genommen hatten, machten wir uns in der Hoffnung auf besseres Wetter auf den Weg gen Süden.

Bei einem Imbiß auf der Fahrt hätte ein Außenstehender unseren Gesprächen nicht lauschen dürfen. Sprachen wir doch von Stoffen wie Ammoniumperchlorat und benutzten Pommes zur Darstellung von Fallschirmhalteleinen... Stetes Fachsimpeln im Auto machte jedes Autoradio überflüssig und schneller als uns vorkam erreichten wir die Schweiz.

Das Wetter verbesserte sich zusehends, so daß für den morgigen Tag die besten Voraussetzungen geschaffen waren. Schon auf dem Weg zur Rezeption traf man viele Freunde wieder, welche man auf dem T2-Lehrgang 2000 in Wertingen kennengelernt hatte. Zu ihnen gesellten sich Gleichgesinnte, so daß viele email-Kontake und Internet-Synonyme endlich ein Gesicht bekamen.

Aerotech M-1419

Das Einchecken und Auspacken der Koffer reduzierte ich auf ein Minimum an Zeitverlust und begab mich schnellstens wieder hinunter in den Eingangsbereich des Hotels, wo zum Vorteil streßgeplagter Autofahrer eine Bar stand. Nach und nach trafen immer mehr Modellbauer ein und es entstand eine sehr interessante Mischung an Menschen, die dem gleichen Hobby frönten. Von Italien bis Schweden, von Frankreich bis Polen, sogar Gäste und Offizielle der Firma Aerotech aus Übersee reisten an. Die rund 100 Menschen umfassende multikulturelle Anhäufung sprach nur eine Sprache; jeder Ecke war etwas wie K-700, M-1419, Blue Thunder, White Lightning, apogee, recovery, AltAcc, Rail usw. zu entnehmen. Alle sprachen von ihren eigenen Projekten, ließen es aber dabei nicht aus, die Projekte ihrer Gegenüber hochachtend zu bewerten! Wie auch schon die Fahrt ging dieser erste Abend viel zu schnell zur Neige, wollte man doch den morgigen großen Tag ohne Blessuren durchstehen.

Wohlwissend, daß ich am Frühstückstisch wieder interessante Raketenfreunde treffen würde, ging mir das Aufstehen am Morgen verblüffend einfach und zügig von der Hand und man machte sich auf den Weg zum Startplatz.

Im wunderschönen Juratal der Schweiz liefen die Startvorbreitungen bei unserer Ankunft schon auf Hochtouren. Das Wetter war sehr gut, Sonnenschein, leichter Wind, regenfrei und ein aufschlagfreundliches Gelände. Jürg Thüring und Daniel Flury, die ARGOS-Organisatoren dieses Raketentreffens, hatten alle Hände voll zu tun die ankommenden Autos einzuweisen und das Raketen-Präparationsareal aufzubauen. Hier fand man alles was das Herz eines Raketenmodellbauers höher schlagen läßt. Neben den Informationen aus erster Hand konnte man erfahrenen HighPower-Raketeuren beim Zusammenbauen ihrer Fluggeräte über die Schulter schauen und das eine oder andere Konstruktionsschmankerl aufschnappen. Wiederladbare Motorensysteme von 24 – 98 [mm] übersäten die Vorbe-reitungstische und wurden dafür genutzt, das eine oder andere Erinnerungsfoto zu schießen. Es war schnell einzusehen, daß einige Raketen hoffnungslos übermotorisiert waren.

Wolfgang Schäfer

Was sollte schon ein J-350 mit einer 2 [kg] schweren Rakete anderes machen, als sie brachial in Richtung Himmel zu katapultieren? Des öfteren gewann man den Anschein, als das der eigentliche Grundgedanke des Raketenmodellbaus an einigen Leuten vorübergegangen wäre. Werden doch in Deutschland, aufgrund der Knappheit an leistungsstarken Triebwerken, die Raketen eher in Richtung “So wenig wie möglich, so viel wie nötig” konstruiert, so hörte man aus einigen Reihen sinngemäß: “Ob sie jetzt 4 oder 5 Kilogramm wiegen wird, ist doch egal, kommt dann halt ein stärkerer Motor drunter...”.

Von Raketen mit perfektem Finish bis zu unlackierten Glasfaser-Papprohren war alles vertreten. Ich nahm jede Rakete in Augenschein und sog alle Informationen auf die ich ergattern konnte.

Die ersten Countdowns ließen nicht lange auf sich warten und schon bald wurde ich freiwilliges Opfer markerschütternder Motorengeräusche und von Gerüchen verbranntem Ammonium-perchlorates. Die imposanten Rauchsäulen glichen gefrorenen Blitzen und zeigten geradewegs in den Himmel.

Neben vielen Starts aus Spaß an der Freude wurden auch einige Tripoli-Zertifizierungsflüge durchgeführt. Man sah den Prüflingen schon am übertrieben sorgfältigen Zusammenbauen der Raketen an, daß was besonderes auf sie warten würde. Meistens wurden ihre Bemühungen mit einem Tripoli-Zertifikat der nächst höheren Stufe belohnt und unübersehbare Gelassenheit machte sich anschließend in ihren Gesichtern breit. Auch für Zuschauer wie mich war es eine aufregende Angelegenheit!

Die Ankündigungen der Starts waren durch den Einfallsreichtum von Daniel Flury (ARGOS) entscheidend geprägt. Mit wunderbaren Originaltönen wurden sowohl die Countdowns als auch die Flüge unterlegt. Lediglich seine Ablösung durch Sue McMurray (Aerotech), welche die Startankündigungen zu einem Sprachkurs auf Kurzwelle degradierte, warf einen kleinen Schatten auf die zweite Hälfte des Tages.

In dieser erfolgten auch die imposantesten Flüge. Hier sei natürlich der Level 3 Zertifizierungsflug von Bert Koerts / Holland erwähnt. Er startete seinen Angaben nach die größte Modellrakete Europas mit einem Gesamtgewicht von 36 [kg] und einer Höhe von 5,30 [m] auf einem M-1419. Ein Düsenjäger im Tiefflug hätte sein Nachsehen gehabt! Nach 45 Minuten Vorbereitungen an der Rampe brannte schon vor dem Start die Luft. Anschließend wurden wir alle Zeugen eines grandiosen Fluges wie er schöner kaum hätte werden können. Die Motorengeräusche blendeten während des Aufstieges von einem aggresiven Fauchen in ein infernalisches Brüllen über.

Start der ORION

Kurze Zeit später erfolgte ein weiterer Flug einer M-motorisierten Rakete, welche ebenfalls von Modellbauern aus Holland gebaut wurde. Ihr Aufstieg bis in 2 [km] Höhe konnte leider aufgrund der zeitweisen Bewölkung nicht vollends verfolgt werden.

Am frühen Abend des Samstages verließen alle den Startplatz und fuhren zurück ins Hotel. Hier wartete auf uns ein Dinner-Abend in sehr gemütlicher Atmosphäre und anschließend eine Tombola mit zum Teil attraktiven Preisen. Glückspilz dieser Tombola war Heinz Weber.

Verlor er einige Stunden zuvor nach seine AMRAMM-Rakete, so konnte er nach der Tombola unter anderem zwei Raketenmodellbaukästen der Firma Aerotech sein Eigen nennen. Eine verdiente Entschädigung nach Meinung aller! Nach der Tombola wartete ein langer Abend auf uns. Es hatte den Anschein nach einer inneren Übereinkunft, als man sich nach dem offiziellen Teil wieder im Eingangsbereich des Hotels an der Bar traf. Der gesamte Bereich hüllte sich in ein permanentes Hintergrundmurmeln ohne ein Zeichen von Sprachbarrieren. Erfahrungsaustausch stand auf dem Plan und mit vorrückender Stunde lichtete sich mehr und mehr das Feld.

Am Morgen des darauffolgenden Sonntages verschlechterte sich das Wetter leider wie erwartet. Wir trafen uns zwar nach dem Frühstück auf dem Startgelände, Flüge jedoch wurden kaum noch durchgeführt. Der Wind hatte in der Nacht sehr zugenommen und Wolken verschleierten den Blick zum Himmel. Angesichts der fast 800 [km] die vor mir lagen, machten wir uns früh auf die Heimreise. Zur Imitation des Geruches von Ammoniumperchlorat und zur Zufriedenstellung unserer Nasen, verbrannten wir das Pulver von Anzündern im Innern des Autos; im Gepäck hatten wir ein tolles Wochenende mit Freunden und Gleichgesinnten und spektakuläre Erinnerungen!

Fazit:

Das internationale ALRS-Treffen ist in jedem Falle eine Reise wert. Nicht nur wegen vieler Starts von Großraketen, vielmehr war die Zwischenmenschlichkeit Programm. Der Lerneffekt und der Erfahrungsaustausch ist grandios und ist jedem zu empfehlen. Im nächsten Jahr werde ich auf jeden Fall wieder dort sein, vielleicht dann auch als Flieger!

Die Organisation seitens der ARGOS war sehr gut und soll, laut Daniel Flury, im nächsten Jahr auch noch weiter verbessert werden. Empfehlenswert ist es, sich in dem Hotel einzumieten, welches die Organisatoren empfehlen. Dadurch ist man von morgens bis abends mit anderen Modellbauern im Gespräch und hat viele Gelegenheiten sich gedanklich weiterzuentwickeln. Alles in allem waren es zwei sehr tolle Tage.

Leider führt nun ein Jahr lang meine Erinnerung Feder...

In diesem Sinne,

Euer Hendrik Lau


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