2. Ausgabe

Ramog aktuell

Entwicklung der Raketenmodelltechnik in der BRD

Die etwas "reiferen" Leser werden sich gerne an ihn erinnern: Oberingenieur Hermann Langkrär mit dem Kosenamen "Klein-Hermann" (der "Große-Hermann" war Prof. Dr. Hermann Oberth vorbehalten). Seine Markenzeichen: Hanseate aus Bremen mit Hut und Zigarre. Er ist "der" Pionier der Raketenmodelltechnik in der BRD nach dem Krieg, als die Alliierten nach mehreren Jahren das absolute Verbot jeglichen Flugmodellsports aufgehoben hatten. Obering. Hermann Langkrär gehörte zu jenen 11 Angehörigen der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde, die sich im Herbst 1952 in Bremen zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik entschlossen. Im Januar 1955 ging daraus die Gründung der "Deutschen Raketengesellschaft e.V." hervor, die 1963 zu Ehren des Raumfahrtpioniers Prof. Dr. Hermann Oberth in Hermann-Oberth-Gesellschaft e.V. (HOG) umbenannt wurde. Als eines der wichtigsten Leitmotive galt für alle drei Gesellschaftsformen "die Raketen- und Raumfahrttechnik sowie die Raumfahrtforschung und verwandte Gebiete zu friedlichen Zwecken zu fördern". In diesem Sinne gehörte zu den in der Satzung proklamierten Aufgaben u.a. auch die Heranbildung des technisch-wissenschaftlichen Nachwuchses und befähigter Jugendlicher sowie die Einrichtung und der Betrieb diverser Lehr- und Versuchstellen. Ab 1953, insbesondere jedoch ab 1957 widmete sich Obering. H. Langkrär als Leiter des technisch-wissenschaftlichen Nachwuchses der Deutschen Raketengesellschaft e.V. und später der Hermann-Oberth-Gesellschaft e.V. unermüdlich seinen ehrenamtlichen Aufgaben. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit entwickelte H. Langkrär mit einem Feuerwerksbetrieb den ersten nach dem Krieg zugelassenen Treibsatz der Klasse T1 für den Antrieb von kleinen Modellraketen. Dieser Treibsatz war ausgerüstet mit einer Verzögerung und einer Fallschirmaustreibladung und war sehr zuverlässig! Parallel dazu veröffentlichte H. Langkrär diverse Baupläne für Raketenmodelle, zugeschnitten für den genannten Treibsatz sowie Lehrbögen und Lehrhefte für Stabilitätsberechnungen, Fallschirmberechnungen und Flugbahnberechnungen. Mit großem pädagogischen Geschick reduzierte er die beim Raketenflug zum großen Teil komplexen und hochtheoretischen Zusammenhänge zu praktikablen Formeln und machte so diese Materie auch für einen Laien verständlich und nachvollziehbar! Akribisch fertigte H. Langkrär alle Druckvorlagen selbst an, er erstellte dazu die technischen Zeichnungen und schrieb alle Texte und Formeln fein säuberlich in Druck- bzw. Normschrift per Hand! - Aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar! H. Langkrär war dabei aber in erster Linie Praktiker. Seiner Ingenieursausbildung ging eine fundierte Berufsgrundbildung (Metall und Elektro) voraus, und am liebsten tüftelte er mit viel Geschick an Raketenmodellen und hatte seine Freude daran, wenn diese per "Zigarrenzündung" in die Luft zischten. So waren alle seine Publikationen erprobt, und seine Baupläne beinhalteten darüber hinaus wertvolle Hinweise und Kniffe. Über mehrere Jahre war H. Langkrär auch Vizepräsident der Hermann-Oberth-Gesellschaft e.V. und danach Kuratoriumsmitglied. Leider währte die Freude mit dem "Langkrärschen Raketenmotor" nur gut zehn Jahre;- bis ca. 1967. Für eine Neuauflage verlangte der Hersteller die Vorfinanzierung und Abnahme von 10.000 Stück! Diese Bedingungen konnten seitens der HOG schon aus rein gesellschaftsrechtlichen Statuten nicht realisiert werden. Und ein privater Sponsor fand sich für die Vorfinanzierung auch nicht. Ende der 60er Jahre war die Treibsatznot am größten, bis schließlich der Raketenmotor "Held 1000" auf den Markt kam. Die Entwicklung und die Zulassung dieses Treibsatzes wurde tatkräftig von H. Langkrär unterstützt. Als Antrieb für die von Hans Held konstruierten Raketengleiter benötigte der "Held 1000" weder Verzögerung noch Fallschirmaustreibladung. Bezüglich der Abmessungen entsprach er aber genau dem Langkrärschen Treibsatz. In die vorhandenen Raketenmodelle ließ sich der "Held 1000" zwar problemlos einbauen, doch der Flug bereitete Probleme. Bedingt dadurch, daß der "Held 1000" keine Verzögerung eingebaut hat, erfolgt der Fallschirmauswurf unmittelbar nach Brennschluß des Treibsatzes, also dann, wenn das Modell die höchste Geschwindigkeit erreicht hat; - zum ungünstigsten Zeitpunkt. Fallschirmabrisse, aufgerissene Rümpfe etc. waren die Folgen. Bekanntlich macht Not erfinderisch. Und so entstand H. Langkrärs Raketenmodell "Standard"; - ein Modell zighundertfach gebaut und geflogen. Von H. Langkrär so konstruiert, daß es den widrigen Flugbedingungen trotzte und auch ohne Rückkehrsystem landen konnte. Mit dem "Held 1000" war zwar kein idealer Raketentreibsatz auf dem Markt, aber er war erhältlich und preisgünstig. Erst Mitte der 70er Jahre entschärfte sich die Treibsatzsituation etwas. Wolfgang Carstens, Hasenmoor, gründete eine Firma für Raketenmodelle und Raketenzubehör. Er importierte weitgehend die Artikel der amerikanischen Firma Estes und holte für einige Estes-Treibsätze für den deutschen Markt die BAM-Zulassung ein. Wolfgang Carstens ist es zu verdanken, daß der Raketenmodellsport in Deutschland bekannt wurde, was einige Jahre später zur Gründung spezieller Raketenmodellsportvereine führte. Als Referent für den technisch-wissenschaftlichen Nachwuchs führte H. Langkrär vielerorts sogenannte technisch-wissenschaftliche Nachwuchstagungen durch. Dies geschah meist in Zusammenarbeit mit den Aktivisten aus den jeweiligen Landesgruppen der HOG und dort, wo sich bereits Keimzellen für die Raketenmodelltechnik gebildet hatten. Diese Tagungen, meist von Freitag bis Sonntag, stellten zweifellos Höhepunkte für die an der Raketentechnik und Raumfahrt interessierten Schüler und Jugendlichen dar. Neben Vorträgen mit Dias und Filmen, Unterrichtssequenzen über die verschiedensten Themen zur Raketentechnik und Raketenphysik unterstützt mit Versuchen und praktischen Vorführungen kam der Erfahrungsaustausch der Teilnehmer, der oft bis tief in die Nächte hinein dauerte, nie zu kurz. Krönung solcher Tagungen waren stets die Raketenstarts, die das Spektrum von hochinteressant bis spektakulär umfassten. Als Ergänzung zu den Nachwuchstagungen hielt H. Langkrär noch sog. "Startleiterkurse" ab. Diese dienten speziell dazu, bei den Raketenmodellbauern den sicheren Umgang mit Treibsätzen und Raketen in Theorie und Praxis zu schulen. Es ist unbestritten, daß diese Tagungen bei einigen Teilnehmern die Berufswahl entscheidend beeinflußt haben. Ein über viele Jahre hinweg gern gewählter und besuchter Tagungsort für H. Langkrär war Haid bei Wessobrunn in Oberbayern. Hier hatten Erika und Hans Held ihr Domizil in Form einer Gaststätte/Tagungsstätte ("Rosenhof"). Mit den Helds verband H. Langkrär eine langjährige Freundschaft. Direkt an das Held'sche Anwesen schlossen sich weite Wiesenflächen an, für Raketenstarts geradezu ideal. Und da die Landesgruppe Bayern im Augsburger und Münchener Raum, also unweit von Haid einige aktiven Raketenmodellbauer und -sportler hatte, bildete sich in Haid bald eine in ganz Deutschland bekannte und bei den Raketenmodellbauern geschätzte Tagungs- und Begegnungsstätte. Noch als Siebzigjähriger, geplagt von Arthritis, die Organisation der Nachwuchstagungen schon fest in der Hand der Landesgruppe Bayern, ließ es sich H. Langkrär nicht nehmen, in Haid dabei zu sein. Und wenn nach mehreren vergeblichen Versuchen die Streichhölzer in den vor Anspannung zitternden Händen eines jungen Raketenmodellbauers immer wieder ausgegangen waren, dann zog H. Langkrär an seiner Zigarre, bückte sich und brachte mit seinem "Feuer" die Rakete zum Starten....

Neben seinem Engagement um die Heranbildung des technisch-wissenschaftlichen Nachwuchses der HOG, befaßte sich H. Langkrär bis Mitte der 70er Jahre auch intensiv mit Experimenten mit ein- und zweistufigen Höhenforschungsraketen (erreichte Höhen bis ca. 20 km), Raketen für die See- und Bergnot und Versorgungsflugkörpern. So gehört u.a. eine Ölsprührakete dazu. Durch ihren Drall um die Längsachse, verteilt sie Öl extrem fein und wirkungsvoll. - Bekanntlich läßt sich Brandung und aufgeregtes Meer dadurch beruhigen, daß man Öl aufs Wasser gießt! Die bis hier geschilderten Tätigkeiten stellen nur einen Abriß über das tatsächliche Wirken H. Langkrärs dar. Für sein Engagement erhielt H. Langkrär einige herausragenden Auszeichnungen. U.a. die Hermann-Oberth-Medaille in Gold und das Bundesverdienstkreuz. H. Langkrär verstarb am 13. Juli 1985 im Alter von 78 Jahren. Krankheits- und altersbedingt übernahmen 1982 Herbert Gründler und ich die Nachwuchsreferententätigkeit in der Hermann-Oberth-Gesellschaft e.V. von H.Langkrär. Durch die langjährige Verbundenheit, haben wir durch unser Engagement versucht, das Werk von H. Langkrär in seinem Sinne fort zu führen und weiter zu entwickeln. Mit zu den ersten Aufgaben gehörte die BAM-Zulassung des Treibsatzes "Held 5000", da für viele Raketenmodellbauer mittlerweile der "Held 1000" nicht mehr ausreichte. Da der "Held 5000" mit 36 g brennbarer Masse nach dem Sprengstoffgesetz zur Klasse T2 gehört, ist für seine Verwendung eine entsprechende Fachkunde erforlich. Bereits Mitte der 70er Jahre (parallel zur BC-360-Entwicklung) wurde von uns in Zusammenarbeit mit dem Gewerbeaufsichtsamt München Stadt und dem Luftamt Südbayern erstmalig in Deutschlang ein Lehrgang für den Erwerb dieser Fachkunde ausgearbeitet und ins Leben gerufen. 1983 trat die Leitung des Deutschen Museums (München) an uns heran mit der Bitte, die Gestaltung der Vitrine "Raketenmodelltechnik" innerhalb der in Überarbeitung befindlichen Luft- und Raumfahrtabteilung zu übernehmen. Von der Messeleitung der Aero 85' in Friedrichshafen/Bodensee erhielten die Landesgruppe Baden-Württemberg und Bayern kostenlos einen größeren Ausstellungsstand um einerseits die Arbeiten der Lehr- und Versuchsstelle Stuttgart mit der Heißwasserrakete und unser Spektrum aus der Nachwuchstätigkeit mit Information und Exponaten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Wunsch vieler Raketenmodellbauer, den Raketenmodellbau auch auf sportlicher Ebene betreiben zu können, führte 1985 zur Gründung der Raketenmodellsportgemeinschaft RAMOG innerhalb der HOG. Nur so konnten die sportlich ambitionierten Raketenmodellbauer vom DAeC ihre Sportlizenzen erhalten, ohne daß gleichzeitig alle HOG-Mitglieder auch Mitglied im DAeC werden mussten. Da die Helds altersbedingt einen Teil ihres "Rosenhofs" verpachteten bzw. verkauften, wurde es immer schwieriger, Nachwuchstagungen und zunehmend auch die sportlichen Wettbewerbe in Haid durchzuführen. Nach einigen Veranstaltungen in Ellgau, bildete sich ein neuer Wettbewerbsund Veranstaltungsschwerpunkt in Roggden bei Wertingen; - ein großer Sportplatz mit Sportheim und angrenzenden Wiesenflächen. Hier fanden bis vor wenigen Jahren jährlich bis zu vier Wettbewerbe statt. Dazu gehörten die Qualifikationswettbewerbe der Raketenmodellsportler auf nationaler Ebene und als besondere Höhepunkte die Internationalen Carl Neubronner Wettbewerbe mit bis zu 40 Teilnehmern, u.a. aus der Schweiz, Bulgarien, Rumänien, Holland, Polen, Tschechien, Slowenien, Frankreich, England und Rußland. 1986 erhielt die HOG und wiederum inbesondere der technisch-wissenschaftliche Nachwuchs die Gelegenheit, sich auf der Internationalen Luftfahrt Ausstellung (ILA) in Hannover zu präsentieren. 1987 folgte wieder die Aero 87' in Friedrichshafen/Bodensee unter den gleichen Bedingungen wie zwei Jahre zuvor. Erstmalig wurde hier ein von der RAMOG entwickelter Kartonbastelbogen für den Bau eines einfachen Raketenmodells eingesetzt. In wenigen Stunden konnte eine Rakete "gebastelt" werden; - der Höhepunkt dieser Aktion waren dann Raketenstarts auf dem Freigelände der Ausstellung. Dieser Baubogen wurde zwischenzeitlich bei vielen Veranstaltungen und Ausstellungen mit großem Erfolg eingesetzt und hat auch mittlerweile in vielen Schulen Eingang gefunden. An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Präsidium der HOG, voran mit dem langjährigen Präsidenten Dr. F. Staats stets großen Wert darauf gelegt hat, daß den Aktivitäten des technisch-wissenschaftlichen Nachwuchses bei den jährlich abgehaltenen Raumfahrtkongressen ein Teil des Programms gewidmet wurde; - durch Vorträge, Ausstellungen und mehrfach auch Raketenstarts! In einem Zyklus von 2 bis 3 Jahren wurden und werden noch die Lehrgänge zum Erwerb der Fachkunde für T2-Motoren abgehalten. Mit der Fusion der Luft- und Raumfahrtgesellschaften aus der alten BRD und der ehemaligen DDR zur Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt - Lilienthal-Oberth e.V. 1993 endete offiziell unsere Tätigkeit als Nachwuchsreferenten.

Die RAMOG wurde vor drei Jahren zu einem eigenständigen Verein RAMOG e.V. mit dem Vorteil, daß RAMOG-Mitglieder nicht zwangsläufig auch Mitglieder der DGLR sein müssen. Und in der RAMOG e.V. l e b t das Erbe von H. Langkrär weiter......

EM



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