2. Ausgabe

Ramog aktuell

Knapp an der Katastrophe vorbei

Im Spätsommer des Jahres 1997 schien zunächst die Welt der Raketenmodellflieger noch in Ordnung. Im Juni war mit großem Medienerfolg das 1.Deutsche Space Festival in Laucha über den dortigen Flugplatz gegangen. Im Juli hatte die RAMOG in Roggden den 11. Internationalen Carl-Neubronner-Pokal-Wettbewerb durchgeführt. Keiner in der Raketenmodellszene hatte die geringste Ahnung, welche Gefahr ihnen aus der Pararaphenküche in Bonn drohte.

Der Leiter der RAMOG, Herbert Gründler, wollte gerade in Urlaub fahren, als ein dicker Briefumschlag mit unerwarteter Post ins Haus kam. Es war die Bundesratsvorlage zum neuen Sprengstoffgesetz, also ein Gesetz-Entwurf - aber schon so weit gediehen, daß er dem Bundesrat zur Beurteilung übermittelt wurde.

Natürlich wurde der Papierstapel mit 161 Seiten mal routinemäßig überflogen. Aber je öfter H. Gründler das Schriftwerk las, umso mehr zweifelte er an seiner beruflich erlernten Fähigkeit, auch komplizierte Gesetzestexte zu lesen. Es fehlten die im alten Gesetz von 1986 enthaltenen und mit viel Mühe erkämpften Spezial-Regelungen zum Raketenmodellflug ! Ein Verdacht keimte auf. Selbst auf die Gefahr hin, sich vor den Berufskollegen zu blamieren, fragte er beim Bundesinnenministerium an, wie das neue Gesetz zu verstehen sei. Die Auskunft war kurz, sachlich und vernichtend:

Im Sprengstoffänderungsgesetz 1997 war der freie Raketenmodellflug bis 20 Gramm Treibstoffgewicht nicht mehr vorgesehen!

Das Bundesinnenministerium hatte das neue Gesetz nach einer Richtlinie der Europäischen Kommission in Brüssel so formuliert, daß der Raketenmodellflug ab dem ersten Gramm Treibstoff nur noch mit einer behördlichen Erlaubnis, früher T2-Schein genannt, möglich gewesen wäre. Jetzt läuteten natürlich alle Alarmglocken. Es kam jetzt wirklich auf jeden Tag an. Wenn der Entwurf den Bundesrat erfolgreich passiert hatte, war praktisch keine Änderung mehr möglich. Die Folgen für den in den letzten Jahrzehnten mühsam aufgebauten deutschen Raketenmodellsport wären vernichtend gewesen.

Das Gesetz in dieser Form hätte das Ende des gesamten Raketenmodellflugs in Deutschland bedeutet. Was tut ein Vereinsvorsitzender, wenn er erfährt, daß sein Verein in einem Jahr seine Existenzberechtigung verliert? Nach einigen Minuten des Schreckens beschloß der Leiter der RAMOG die Situation direkt anzugehen. Er nahm sofortige telefonische Verhandlungen mit den Bundesinnenministerium auf. Er konnte dabei auf frühere erfolgreiche Aktionen zur Einflußnahme auf den Gesetzgeber zurückgreifen und warf seine Kompetenz als Mitglied des Senates der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt in die Waage.

In den ersten Verhandlungen wurde deutlich, daß ein Verbot des freien Raketenmodellflugs durch das Ministerium nicht vorsätzlich geplant war. Es ergab sich einfach aus den notwendigen Umgruppierungen im Sprengstoffgesetz durch die sog. EWG-Richtlinie 93/15. Außerdem war die Bedeutung und der Umfang des Raketenmodellflugs in Deutschland nicht bekannt. Auch daß die deutschen Raketenmodellsportler schon mehrfach Weltmeistertitel errungen hatten, war noch nicht bis in die Amtsstuben des Ministeriums vorgedrungen.

Viele Argumente trug H. Gründler mit Unterstützung des Deutschen Aero Clubs zur Rettung des freien Raketenmodellflugs vor und fast genausoviel wurden nicht akzeptiert. Schließlich ließ sich das Ministerium überzeugen, nicht zuletzt, weil es gelungen war, einige Landesministerien für das Anliegen zu mobilisieren. Für jedes Argument, mußten schriftliche Beweise folgen. Das Ministerium brauchte handfeste Gründe gegenüber dem Parlament, ein fast fertiges Gesetz nochmals zu ändern.

Es wurde jedenfalls ein dicker Briefumschlag, der in Bonn ankam. Auch die Herren Abgeordneten hatten ein Einsehen und so konnte das zu Gunsten der Raketenmodellflieger nochmals geänderte Gesetz am 23. Juni 1998 im Bundesgesetzblatt Nr. 39/1998 verkündet werden. Es war gerade noch mal gut gegangen. Klar wurde auch - eine weitere Situation dieser Art durfte nicht heraufbeschworen werden, denn nicht immer würde es mit so viel Glück gelingen, die Situation zu retten. Also beschloß man künftig in Verbindung zu bleiben, um gegenseitige Informationsdefizite zu vermeiden.

Die meisten Raketenmodellflieger haben das ab 1. September 1998 geltende neue Gesetz bis heute nicht bemerkt, weil sich für sie anscheinend nichts verändert hat. Gar nichts? Nein, es hat sich einiges verändert, doch dies wird man erst im Laufe der Zeit bemerken. Auf den Packungen der Raketenmodellmotoren wird eine andere Bezeichnung stehen, denn die Bezeichnungen T1 und T2 gelten für Raketenmodellantriebe nicht mehr. Der erlaubnisfreie Bereich bis 20 Gramm Treibstoffgewicht ist geblieben.

Neu als sehr lästige Bestimmung wurde mit dem neuen Gesetz die sog. Aufzeichnungspflicht über den Einkauf, Verkauf und den Verbrauch von Raketenmodellantrieben eingeführt. Überraschenderweise gilt dies auch für erlaubnisfreie Antriebe. Für Raketenmodellflieger mit größeren Ambitionen ist nach wie vor die Fachkundeprüfung (früher T2-Prüfung genannt) und der Gang zu den Behörden notwendig. Dort werden sie sich über den jetzt notwendigen Bedürfnisnachweis ärgern.

Die Ordnungs- oder Gewerbeaufsichtsämter können sehr penibel sein, wenn es darum geht, eine Notwendigkeit zum Kauf, zum Besitz und zum Verwenden von explosionsgefährlichen Gegenständen (und als solche werden Raketenmodellantriebe behandelt) zu sehen. "Just for fun" gibt es da nicht. Ein Grund mehr, in einen Verein einzutreten, denn die Mitgliedschaft in einem Raketenmodellsportverein ist ein amtlich anerkennenswertes Bedürfnis.

Wie von H. Gründler zu erfahren war, ist er mit dem Ministerium über weitere Erleichterungen im Gespräch, nachdem bereits Pläne zu einer Überarbeitung des Gesetzes bestehen. Zu einem in bestimmten Kreisen der Raketenmodellflieger sehr beliebten Thema kann H.Gründler jedoch keine Hoffnung machen. Eine totale Herausnahme der Raketenmodellantriebe aus dem Sprengstoffgesetz ist in Deutschland nicht möglich. Die EG hat hierfür feste Vorgaben, die ein einzelner Mitgliedsstaat nicht übergehen kann.

Auch werden die Raketenmodellflieger vorerst weiter mit unterschiedlichen Regelungen innerhalb der EG leben müssen. Die bisher sehr unterschiedlichen Freigrenzen für Raketenmodellantriebe zwischen den EG-Mitgliedsstaaten könnten aber eines Tages auf einen einheitlichen Stand gebracht werden. Auf jeden Fall ist noch einige Geduld und Arbeit notwendig, bis der Raketenmodellsport in Deutschland gesetzlich zufriedenstellend geregelt ist.

(Author bekannt, Name aus datenschutzrechtlichen Grüden entfernt)



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